Dinge, die die Welt nicht braucht. Hier: Rezensionen

Volker Pispers sprach einst, es gäbe eine Gruppierung von Menschen, die die schlimmste auf dem Planeten überhaupt sei: Investmentbänker. Ich kenne auch eine, die dem nahe kommt. Die sich selbst erschaffene Gilde von Rezensenten (für alle Fremdwortnichtmöger: “Kritiker” geht auch) ist ein bißchen mit Fußpilz zu vergleichen. Nicht, weil sie künstlerische/publizistische Werke auch schon mal verreißen, nein. Aus Gründen, die jeweilige Rezensenten vermutlich als einzige verstehen, rezensieren sie, was die Langeweile hergibt. Dabei spielt es (für Genannte) keine Rolle, wie fundiert da eine Meinung ist bzw. überhaupt sein kann. Letztlich ist ja ohnehin alles Geschmackssache? Nein, ist es eben nicht immer. Natürlich ist das immer eine schlechte Ausrede für schlechten Geschmack. Ich meine das halbernst.

Nun denn, es gibt sie halt, diese Leute, die zu Allem etwas zu sagen haben. Ein erdkernnaher Tiefpunkt in der Welt der Rezensionen ist zweifellos diese gequirlte Fäkalienmasse. Ich erwähnte das an anderer Stelle schon mal. Das Album (hier: Alanis Morissette) ist übrigens toll. Auch nur eine Meinung, aber von jemandem, der (selbstverständlich) Geschmack hat. ;-)

Jetzt hat einer meine Lieblingsbands — wohlgemerkt, seit über 30 Jahren erfolgreich in der Musiklandschaft unterwegs, und eine der besten Live-Bands mit dem zweifellos besten Vokalisten in der Rockgeschichte überhaupt — ein neues Album veröffentlicht. Ihr ahnt es: Marillion. Das neue Werk titelt sich “Sounds That Can’t Be Made” und kann hier käuflich erworben werden, was ich überhaupt und sowieso empfehlend anheim stelle. Hier ein Beispiel aus dem Album, der Track “Power”, der übrigens — haha — toll ist:

Zum Dritten mal geht eine Band her und lässt sich, vollkommen unabhängig von der Majorindustrie, ein Album von der weltweiten Fangemeinde vorfinanzieren. Und scheißt somit auf sämtliche gängigen Konventionen, die diese Industrie mit sich führt. Jetzt machen die Jungs von Marillion obendrein auch noch künstlerisch hochqualitative Musik, und dann muss man so unterirdische Kommentare von Rezensenten lesen wie

“Sounds That Can’t Be Made” ist im Ganzen ein toll produziertes, aber letztlich laues Album mit viel softem Atmo-Poprock, einigem langem softem Atmo-Poprock und einigen wenigen Prog-Zutaten. Die Fans werden sicherlich hingerissen sein, müssen sie auch, immerhin haben sie’s finanziert.

Das ist an Respektlosigkeit schwer zu überbieten. Nachzulesen auf den Babyblauen Seiten, eine Progressive Rock Seite, die hauptsächlich — na? — rezensiert. Schön ist auch, wie der betreffende Rezensent seine Tätigkeit als ebensolcher selbst sieht (im Mittelteil der Seite). Ich zitiere:

C. Die leidige Rezensiererei

Daß Kritiker kritisch sind, ist nicht das Schlimme an ihnen, sondern daß sie sich selbst gegenüber so unkritisch und humorlos sind.
Heinrich Böll

Warum eigentlich Platten rezensieren?

Ja genau! Warum rezensiere ich eigentlich Platten? Es gibt ja eine ganze Reihe von Vorurteilen über (Platten-)Rezensenten, einige davon versammelte Jerry Lucky kürzlich in seinem Progressive Rock Handbook.

1. Mein Favorit gleich vorneweg: Rezensenten leiden an einem Neidkomplex, weil sie selbst keine Musik machen können – deshalb rezensieren sie Platten, damit sie auf den Musikern rumtrampeln können.

Herrlich oder? Ich kann auch keine Romane schreiben und doch rezensiere ich keine. Ich kann auch nicht malen und bin trotzdem kein Kunstkritiker. Ich kann auch nicht Fussballspielen (hey! Progger eben) und schreibe trotzdem nicht für eine Sportzeitschrift – Punkt klargeworden?

Nein?

Dann andersrum: Komisch – den Alben der Musiker, die ich am allermeisten beneiden sollte, gebe ich immer die besten Noten!

Oder so: witzige Vorstellung, Musiker, die Lieder über Plattenrezensensenten schreiben…

Zu verquer? Dann so: Mal eine Plattenrezension eines Musikers gelesen? Nein? Was mag dafür wohl der Grund sein… Doch? Und? Wie war sie?

2. Nummer zwei: Plattenrezensenten tun es, weil sie sich so gerne gedruckt sehen.

Yeah – wir sind alle soooo große Stars. Deswegen kennt auch jeder unsere Namen. Und will Autogramme von uns. Und (das Beste): hat uns gern! Wir werden ja so sehr geliebt.

Und so weiter, ich erspare euch (hier) den Rest. Kaum etwas ist überflüssiger als Rezensionen.

Ich sehe überhaupt kein Problem darin, Rezensionen einfach komplett aus der Welt zu lassen. Mir will nicht einleuchten, wozu das gut sein sollte. Lasst die Leute doch einfach Musik konsumieren und selbst entscheiden, mit welch künstlerischem Werk sie sich umgeben wollen. Es bedarf keiner Rezensionen, um hier fündig (genug) zu werden, nur einem eigenen Gusto.

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3 thoughts on “Dinge, die die Welt nicht braucht. Hier: Rezensionen

  1. Es mag dich enttäuschen, aber auch ich habe schon Musik rezensiert. Worauf ich aber immer geachtet habe: Das Werk und den Musiker zu schätzen, auch und gerade bei unprofessionellen Produktionen.

    Ich habe immer versucht, erstens den Anspruch des Musikers selbst zu berücksichtigen (welche Art von Musik und auf welchem Professionalitätsgrad scheint mir für ihn möglich; was wollte er höchstwahrscheinlich machen?) und anhand dessen eine faire Kritik abzugeben. Zweitens habe ich versucht, die guten Ideen hervorzuheben, denn viel unprofessionelle Musik dort draußen hat großartige Ideen, die nur eben in einem Unterhaltungs- und Gebrauchsmusik-Kontext häufiger mal nicht funktioniert. Da verpuffen musikalische Ideen und Elemente eben mal.

    Und genau diese beiden Ansprüche fehlen dem Rezensenten oben vermutlich. Wenn Marillion sich jetzt umorientiert hätten und ein totales Elektronik-Experimentier-Album gemacht hätten, das rhythmisch ausgefeilt, mit ungehörten Effekten und minimalen Melodie-Elementen: Er hätte es vermutlich nicht wertschätzen können als künstlerische Leistung, da er seine Progressive Rock-Brille auf hat. Schade.

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